Br. David Steindl-Rast OSB
Der folgende Text stammt aus Bruder Davids englischsprachigen Gesprächs-Aufzeichnungen, die von Nancy Graeff über viele Jahre hinweg sorgfältig angefertigt wurden. Nancy war mit ihrem Ehemann Roderich Graeff, einem Chemiker und langjährigen Freund von Bruder David, verbunden; das Ehepaar pflegte über viele Jahre einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm. Nancy war von einem seiner frühen Vorträge (um 1978) so bewegt, dass sie begann, weitere Gespräche und Vorträge auf Tonband aufzunehmen und zu transkribieren. Daraus entwickelte sich eine enge und über Jahre gewachsene Freundschaft und Zusammenarbeit.
Als ich an die Bauhütten dachte, die den Blick zu den Sternen öffnen, kamen mir deine schönen Gedanken zu „considerare“ in den Sinn. Wenn diese Hütten offen sind zum Himmel hin – welche Fragen könnten dann in uns aufsteigen?
Und die Antwort könnte sein: Wenn wir davon sprechen, innezuhalten und zu betrachten – wenn wir sagen: „Halte jetzt inne und bedenke“ –, dann meinen wir damit im tiefsten Sinn eine Gebärde des Gebets. Dieses Innehalten ist ein riskanter Schritt, denn es führt uns in eine innere Bewegung, die nicht nur Denken, sondern Beten ist.
Schon das Wort „considerare“ ist dafür sehr schön. Es bedeutet wörtlich, aus dem Lateinischen kommend, den Blick zu den „sidera“, den Sternen, zu erheben – zu den Sternen aufzublicken. Doch es bedeutet noch mehr: sich an den Sternen zu orientieren, seinen Kurs nach ihnen auszurichten. So meint es, Herz und Geist zu Gott zu erheben und das eigene Leben an dieser Ausrichtung zu ordnen, die aus diesem Aufblick erwächst.
Doch wirklich innezuhalten und zu betrachten ist ein Wagnis. Denn wenn wir es ernsthaft tun, können Fragen in uns aufbrechen, denen wir im Alltag meist ausweichen. Vielleicht fragen wir uns dann: Was ist der Sinn meines Lebens? Unser Leben ist erfüllt von Zielen, von Zwecken, die einander ablösen und vermehren. Ein Ziel führt zum nächsten, und jedes erreichte Ziel bringt neue Anforderungen hervor, und so geht es weiter, ohne Ende.
Und dann kann plötzlich diese eine Frage auftauchen: Was bedeutet das alles? Und wir haben keine Antwort darauf. Manchmal wird uns dann geraten, einfach weiterzumachen, zu lächeln, beschäftigt zu bleiben. Doch das trägt nicht, denn bloße Zweckmäßigkeit genügt uns nicht. Die Frage nach dem Sinn von allem ist eine riskante Frage – und zugleich die grundlegende Frage unseres geistlichen Lebens. Denn unsere ganze Suche kann letztlich als eine Suche nach Sinn verstanden werden.
Quelle: Considerare, transkribiert von Nancy Greaff (1980er / 1990er Jahre).
(ins Deutsche übersetzt von Klaudia Menzi Steinberger).
