Br. David Steindl-Rast OSB

Der folgende Text stammt aus Bruder Davids englischsprachigen Gesprächs-Aufzeichnungen, die von Nancy Graeff über viele Jahre hinweg sorgfältig angefertigt wurden. Nancy war mit ihrem Ehemann Roderich Graeff, einem Chemiker und langjährigen Freund von Bruder David, verbunden; das Ehepaar pflegte über viele Jahre einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm. Nancy war von einem seiner frühen Vorträge (um 1978) so bewegt, dass sie begann, weitere Gespräche und Vorträge auf Tonband aufzunehmen und zu transkribieren. Daraus entwickelte sich eine enge und über Jahre gewachsene Freundschaft und Zusammenarbeit.

Jesus wandte sich in seinen Gleichnissen an den gesunden Menschenverstand seiner Hörer. Zugleich sprechen wir vom Heiligen Geist als dem Leben Gottes in uns. In der gesamten jüdischen Tradition wird betont, dass wir aus Gottes eigenem Leben leben. Wenn wir dafür heute ein entsprechendes englisches Wort suchen müssten, wäre «Common Sense» wohl das treffendste – allerdings nicht im oberflächlichen, sondern im tiefsten Sinn verstanden: ein gemeinsamer Sinn, den alle Menschen teilen, weil er uns erst menschlich macht. Es ist Gottes eigener Geist in uns, und er ist es, der überhaupt Sinn erschließt.

Weil Jesus sich an diesen gemeinsamen Sinn wendet, spricht er mit Autorität. Schon im ersten Kapitel des Evangelium nach Markus heißt es, die Menschen seien erstaunt gewesen – heute würden wir vielleicht sagen: «Wow!» –, denn dieser Mensch spreche mit Autorität. Wirkliche Autorität hat immer derjenige, der an das appelliert, was in uns selbst Autorität trägt. Denn nur wenn wir etwas in uns als wahr erkennen, wird es für uns zur Autorität.

Hier aber beginnt auch die Schwierigkeit. Viele verstehen Jesu Autorität so, als habe er aus sich selbst heraus gesprochen, als hätte er gesagt: «Ich weiß alles, hört auf mich.» Doch so dürfen wir ihn uns nicht vorstellen. Menschen, die so auftreten, finden gewöhnlich keine Nachfolger – Jesus aber hatte viele. Seine Autorität lag gerade darin, dass er den gemeinsamen Sinn im Menschen ansprach. Dieser «Common Sense» – im tiefsten Sinn verstanden – ist Gottes Sinn in unserem Herzen. Er ist der Geist, der uns eingehaucht wurde, als wir lebendig wurden, sodass wir Menschen sind, erfüllt von Gottes eigenem Leben. Nur deshalb können wir Gott überhaupt erkennen; wie Paulus von Tarsus sagt, wäre das sonst unmöglich.

Jesus spricht also den Heiligen Geist im Herzen seiner Hörer an. Er fragt gewissermaßen: «Wisst ihr das nicht?» – und sie antworten: «Doch, wir wissen es.» Daraufhin fordert er sie auf: «Dann kehrt um und lebt danach.» Genau hier liegt unsere Herausforderung. Denn letztlich führt jede Autorität auf uns selbst zurück. Wir müssen uns fragen, warum wir glauben, was wir glauben – selbst wenn es um die Autorität der Bibel geht. Die meisten glauben nicht einfach direkt aufgrund der Bibel, sondern weil sie in einer bestimmten Tradition stehen. Doch auch das ist kein letzter Grund. Am Ende bleibt nur eine tragfähige Antwort: «Mein Herz sagt es mir.»

Der Moment geistlicher Reife kommt, wenn wir es wagen, Verantwortung dafür zu übernehmen, welcher Autorität wir vertrauen. Solange wir spirituell noch auf der Stufe eines Kindes sind, unreif, sagst du: «Also, das ist meine Autorität. Aber ich hinterfrage sie nicht. Was immer mein Vater sagt, das stimmt.» Oder: «Was immer der Papst lehrt, das ist für mich verbindliche Wahrheit.»

Erst wenn wir die Autorität prüfen und sie aus der Tiefe unseres eigenen Herzens – aus dem Geist in uns – anerkennen, stehen wir wirklich auf eigenen Füßen. Dann übernehmen wir Verantwortung, und zugleich bleibt die Einsicht, dass wir uns auch irren können – auch das gehört zur Reife.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die Gleichnisse Jesu verstehen. Sie sagen uns nichts völlig Neues, sondern erinnern uns an das, was wir im Grunde schon wissen. Denn das Reich Gottes ist in uns; es ist die tiefste Wirklichkeit unseres Bewusstseins. Alle Gleichnisse weisen auf diese Wirklichkeit hin und sprechen unseren gemeinsamen Sinn an. «Common Sense» ist ein schönes Wort: der Sinn, den wir miteinander teilen – und sogar mit Gott. Denn nur weil wir Sinn mit Gott gemeinsam haben, können wir überhaupt verstehen, was Gott ist. In der Tiefe unseres Bewusstseins ist Gottes eigenes Bewusstsein gegenwärtig, und deshalb können wir seine Sprache verstehen. Darum sind Jesu Gleichnisse für alle Menschen zugänglich und von universaler Bedeutung.

Auf seinem Weg zum Kreuz entdeckt Jesus – menschlich gesprochen – Schritt für Schritt, was die rettende Kraft Gottes bedeutet. Er hat dieses Wissen nicht einfach fertig vor Augen; vielmehr erschließt es sich ihm im Leben selbst, so wie auch wir es nur nach und nach verstehen. In der Tiefe weiß er es, wie wir es alle auf unsere Weise wissen, doch er muss diesen Weg gehen. So kommt er schließlich zu jenem Ruf am Kreuz: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?» – ein Ausdruck tiefster Verlassenheit. Und doch folgt darauf das letzte Wort des Vertrauens: Auch ohne zu verstehen, übergibt er sich Gott.

Das ist auch für uns das Entscheidende: Wir wissen letztlich nicht, wie Gottes rettende Kraft wirkt. Sie erscheint oft schwach und widersprüchlich. Doch wie Paulus von Tarsus sagt, ist Gottes Schwäche stärker als alle menschliche Kraft und seine Torheit weiser als menschliche Weisheit. Gerade in der Schwäche liegt eine verborgene Stärke – ein Paradox, das sich nur im Leben erschließt.

Wenn wir diesem Geist folgen, diesem tiefen gemeinsamen Sinn, werden wir nicht unbedingt den Maßstäben der Welt entsprechen. Wir werden an Grenzen stoßen, vielleicht sogar an unser eigenes Kreuz. Und doch ist das kein Ende. Denn der Geist ist Leben selbst – nicht nur ein Teil davon, sondern das, was lebendig macht.

So bleibt die zentrale Botschaft: Jesus ist gestorben – und Gott hat ihn auferweckt. Nicht aus eigener Kraft, sondern aus völliger Ohnmacht heraus. Gerade darin zeigt sich die Macht Gottes, die nicht unterdrückt werden kann. Diese Kraft lebt – und sie wirkt auch in uns. Aus diesem Leben dürfen wir leben. Es ist uns von Anfang an geschenkt, und wir sind eingeladen, es immer tiefer zu entfalten.



Quelle: The Holy Spirit as Common Sense, transkribiert von Nancy Greaff (1980er / 1990er Jahre).
(ins Deutsche übersetzt von Klaudia Menzi-Steinberger).

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