LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

Die Auseinandersetzung mit dem Großen Geheimnis ist ein grundlegendes Merkmal des menschlichen Geistes. Von diesem zentralen Anliegen können wir uns ablenken lassen, wie es unsere westliche Zivilisation getan und dadurch Tiefe und Orientierung verloren hat. Aber wir können auch lernen, gegen den Strom der vorherrschenden, seichten Mentalität zu schwimmen, und dadurch den Einklang mit dem Leben in seiner geheimnisvollen Tiefe wiederfinden. Dies ist das Ziel vieler verschiedener spiritueller Wege.
(S. 59)

Der Begriff Spiritualität steht nicht für eine eigene Welt wie etwa Kunst oder Wissenschaft. Spiritualität bedeutet Lebensatem (lateinisch «spiritus») und ist eine hochgradige Lebendigkeit, die alle Bereiche durchdringt – unsere leibliche, geistige und transzendente Wirklichkeit. Wenn wir als spirituelle Menschen leben, sind wir wach und bewusst in unserem Leib; wir sind geistig aufgeweckt, vielseitig interessiert und können staunen.

Und alle unsere Beziehungen nehmen Teil an der höchsten und tiefsten Beziehung zum Großen Geheimnis als unserem Ur-Du. Je wacher und achtsamer wir sind, desto lebendiger ist unsere Spiritualität. Wer von Spiritualität spricht, der will besonders das Wachsein für die tiefste, transzendente Dimension der Wirklichkeit betonen.

Aber Spiritualität zeigt sich auch in den alltäglichsten Handlungen. Das verdeutlicht eine kleine Geschichte: Ein spirituell Suchender ging viele Tagreisen lang zu Fuß, um einen berühmten Meister kennenzulernen. Begeistert kam er zurück. Seine Freunde fragten: «Was hast du erlebt?» Strahlend rief er aus: «Ich sah ihn seine Schuhe schnüren!»

Spirituelles Wachsein lässt sich erlernen und festigen durch kleine alltägliche Übungen – zum Beispiel durch bewusstes Atmen, durch Aufmerksamkeit bei Begegnungen und durch Fürsorge für uns selbst und andere. Aber mehr noch als durch bewusste Übungen kann Spiritualität durch spontane Aufmerksamkeit für die geheimnisvollen Tiefen des täglichen Lebens und durch selbstvergessene Lebensfreude aufblühen. Verlässliche Merkmale ungekünstelter Spiritualität sind Ehrfurcht und Humor. (S. 126)

Spiritualität in verschiedenen Lebensphasen

Unsere spirituellen Bedürfnisse wandeln sich von einer Lebensphase zur anderen und wir brauchen zu verschiedenen Zeiten recht unterschiedliche Unterstützung. Da wir unter Spiritualität

«hochgradiges Wachsein in allen Lebensbereichen»

verstehen, kann die Hilfsbedürftigkeit sich auf Art und Grad des Wachseins beziehen oder auf vernachlässigte Bereiche desselben. Oft geht es auch gar nicht um Hilfeleistung, sondern eher gerade darum, das Bedürfnis, nicht gestört zu werden, zu unterstützen, damit sich der andere ungestört entfalten kann.

Kinder einführen

Um die erste Spiritualität junger Kinder zu fördern, ist es wichtig, ihnen Zeit zu lassen und ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Beziehung zum Großen Geheimnis eigenständig zu entfalten.

Eltern, Großeltern und andere Nahestehende können da wohl am meisten dadurch helfen, dass sie Störungen fernhalten und den Kindern Zeit geben zum Alleinsein an ihren Lieblingsplätzen, zum «Nichtstun».

Es hilft, aufmerksam, geduldig und liebevoll hinzuhorchen, wenn Kinder bereit sind, aus eigenem Antrieb von Dingen zu erzählen, die ihnen heilig sind. Neugierige Fragen zu stellen, schadet jedoch. Es ist besser, zu Kindern nicht in belehrendem Ton über religiöse Dinge zu sprechen, sondern unsere persönlichen Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Sie verstehen mehr davon, als man ihnen meist zutraut.

Geduld im Alter

Auch im Alter brauchen Menschen viel Zeit, um ihre Erinnerungen ausreifen zu lassen. Auch das ist eine wichtige spirituelle Aufgabe. Elise Maclay (1925-202I) erzählt in einem Gedicht, von dem ich hier nur den Beginn und das Ende zitiere, wie sich dieses Bedürfnis anfühlt:

Bewahre mich vor der Beschäftigungstherapeutin, o Gott!
Sie meint es gut, aber ich bin zu beschäftigt, um Körbe zu flechten.
Ich möchte einen Tag im Juli noch einmal erleben,
als Sam und ich Beeren sammeln gingen. Ich war achtzehn ...

«Bitte mach die Augen auf», sagt die Therapeutin.
«Du willst doch nicht den ganzen Tag verschlafen.»
Sie will wissen, was ich früher gemacht habe: Stricken? Häkeln?
Ja, das hab ich getan, hab gekocht, geputzt und fünf Kinder großgezogen,
und mir sind Dinge passiert. Schöne Dinge, schreckliche Dinge.
Über diese Dinge muss ich nachdenken,
ich muss sie ordnen in meinem Kopf.

Die Therapeutin zeigt mir glitzernde Perlen.
Sie fragt, ob ich vielleicht Schmuck machen möchte.
Sie ist ein liebes Kind und meint es gut.
Also sage ich zu ihr: Ja, vielleicht.
Ein anderes Mal.»

Ich habe doch wichtige Arbeit.

In Zeiten von Erschöpfung und Krisen

Auch in anderen Lebenssituationen gibt es ganz spezifische spirituelle Aufgaben. Zu Zeiten von Erschöpfung oder Depression kann der Grad unseres Wachseins stark absinken. Da hilft es nicht, uns Vorwürfe zu machen. Erholung und Heilung werden uns auch spirituell wieder wacher werden lassen. Das ist eine gute Gelegenheit, Geduld mit uns selber zu üben.

Wenn aber unser Wachsein absinkt, weil wir uns unnötigen Ablenkungen aussetzen, dann heißt es, genau hinzuschauen und Wege zur Sammlung zu finden – vielleicht Meditation, Musik oder schweigendes Wandern.

Zu manchen Zeiten sind wir zwar wach und aktiv, aber fast ausschließlich in beruflichen Bereichen. Zeitmangel – so meinen wir – ist schuld an dieser Art von engem Wachsein. Vielleicht können wir aber zu unseren Tätigkeiten etwas hinzufügen, was keine zusätzliche Zeit verlangt: eine neue Haltung.

Staunen und Dankbarkeit können allem, was wir tun,
eine bisher ungeahnte spirituelle Tiefe schenken.

Auch ein gesundes, unproblematisches spirituelles Leben kann in eine Krise geraten, in der wir uns nach mehr Halt oder tieferem Sinn sehnen. Dabei kommen wir leicht in Gefahr, uns allzu genau vorzustellen, wie unser Leben eigentlich aussehen sollte. Diese Vorstellungen können uns leicht davon ablenken, immer wieder wach hinzuhorchen:

Was bietet mir das Leben jetzt
mitten in dieser Krise
und was verlangt es von mir?

Wenn es uns gelingt, die Gabe des Lebens in jedem gegebenen Augenblick dankbar zu erkennen und die damit verbundene Aufgabe freudig anzugehen, sind alle unsere spirituellen Bedürfnisse in jeder Lebensphase einfach nur dadurch schon erfüllt.
(S. 129-131)

«Spirituelle Zustände» zu identifizieren, zu klassifizieren und zu messen, wie «hoch» sie sind, führt zu Selbstbespiegelung und lenkt nur vom echten spirituellen Leben ab, bei dem es um selbstvergessene Offenheit für das Leben, um Einheit und Liebe geht. (S. 139)

Ringen mit Gott im Gebet

Jede Form von Gottesbegegnung ist Gebet. Und das Große Geheimnis begegnet uns in allem, was uns zustößt, auch in den schwierigsten Lebenslagen. Das Ringen mit Bösem und mit Schmerz ist also vielleicht für viele von uns das am lebendigsten erlebte Gebet.

Im Buch Genesis (Gen 32,23-33; 1 Mose 32, 23-33) lesen wir, wie Jakob eine ganze Nacht lang mit Gott ringt und betet:

«Ich lasse dich nicht, bevor du mich segnest.

Oft müssen auch wir – etwa in Ängsten vor schwierigen Entscheidungen wie Jakob damals – lange so im Gebet mit Gott ringen, so manche durchwachte Nacht hindurch.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass uns dabei manchmal auch das in Worte gefasste Gebet helfen kann.

Allein dass ich bewusst in Gottes Gegenwart mein Anliegen klar ausspreche, kann mir eine große Hilfe sein.

Und wenn ich aus Erschöpfung kaum mehr denken kann, dann fällt mir manchmal ein kurzes Gebet aus meiner Kindheit ein oder ein Psalmvers wie:

«Ich fürchte kein Unheil. Du bist ja bei mir!» (Ps 23,4)

Häufig besteht das Gebet aber einfach im wortlosen Durchringen zu einem Gottvertrauen, das mit neuen Augen eine Gelegenheit entdeckt, die im widerfahrenen Bösen versteckt enthalten ist. Und diese Gelegenheit gilt es dann wie ein Geschenk kreativ zu nutzen. Leicht ist das niemals.

Aber der Prozess, der uns – etwa nach einem schmerzlichen Todesfall – vom Nicht-wahrhaben-Wollen über wütende Auflehnung zum mutigen Auf-uns-Nehmen des Verlustes führt, kann selber zum Gebet werden, wenn wir ihn Schritt für Schritt zu einer Auseinandersetzung mit Gott machen.

Dann kann ein solches ringendes Beten, das sich vielleicht über Tage und Wochen hinzieht, Groll und Bitterkeit besiegen und uns den «Frieden Gottes» schenken, «der alles Begreifen übersteigt», wie es im Philipperbrief heißt (Phil4,7) (S. 159f.)

Spiritualität braucht Gemeinschaft

Da Spiritualität per Definition «Lebendigkeit auf allen Ebenen» ist, beinhaltet sie ein lebendiges Bewusstsein unserer gegenseitigen Verbundenheit mit allen anderen Wesen und insbesondere mit der gesamten Menschheitsfamilie. Spiritualität und Gemeinschaft gehören untrennbar zusammen.

Individualistische Spiritualität ist ein Widerspruch in sich, persönliche Spiritualität dagegen setzt lebendige Verbundenheit voraus. Je mehr unsere Lebendigkeit zunimmt, desto tiefer werden unsere Beziehungen und desto weiter verzweigt sich das Netzwerk, in das wir eingebettet sind.

Spirituelles Wachstum bedeutet Intensivierung und Erweiterung unserer Lebendigkeit von der körperlichen zur emotionalen, intellektuellen und religiösen Ebene – religiös im Sinne eines wachen Umgangs mit dem Mysterium.

Das bedeutet, dass unser Sinn für religiöse Gemeinschaft im gleichen Maße wächst wie unsere persönliche Spiritualität.

Praktische Herausforderungen ergeben sich, wenn eine Religionsgemeinschaft, der wir angehören, nicht besonders lebendig ist. In solchen Fällen wird der Test unserer persönlichen Spiritualität darin bestehen, wie gut es uns gelingt, zur Belebung unserer religiösen Gemeinschaft beizutragen.

Auf die Frage «Braucht Spiritualität Gemeinschaft?» soll ein großer Weiser geantwortet haben: «Meine Gemeinschaft sind alle lebenden Wesen.» (S. 127)

Mensch sein heißt Gemeinschaft haben. Einsiedler sind da keine Ausnahme. Sie lassen sich auf ein persönliches Experiment ein: Was ist für mich das rechte Verhältnis zwischen Alleinsein und Beisammensein mit anderen?

Wir können sie als jene besondere Art von «Entdeckern» verstehen, die T. S. Eliot (1888-1965) in «Four Quartets»: «East Coker», V, beschreibt als

«still und immer noch in Bewegung
in eine andere Intensität
für eine weitere Vereinigung, eine tiefere Gemeinschaft
durch die dunkle Kälte und die leere Verwüstung
den Wellenschrei, die Windschrei, die weiten Wasser …»

Die amerikanische Benediktinerin Schwester Donald Corcoran sieht die Besonderheit der Eremiten darin, dass sie auf dem Weg sind zum «Zentrum, das alle verbindet».

Ein zeitgenössischer Einsiedler antwortete auf die Frage, was er in der innersten Tiefe seiner Höhle gefunden habe: «Alle Tränen der Welt.»

Er sprach von «den bitteren Tränen der Angst, des Schmerzes, der Verzweiflung, der Enttäuschung, der Wut aller ... auch den süßen Tränen ... den Freudentränen. ... dadurch habe ich totale Gemeinschaft erlebt. Ich wurde von meiner Abgetrenntheit getrennt.»

Für das Leben eines Einsiedlers gilt auf intensivste Weise, was der Wüstenvater Evagrius Ponticus vom Leben eines jeden Mönches sagt:

«Getrennt von allen, ist er mit allen vereint.» (S. 128)

Tatsächlich fühlen heute viele Menschen in unserer Gesellschaft eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität, finden sie aber nicht, weil sie den Weg allein gehen wollen.

Als ersten Schritt würde ich ernstliches und geduldiges Suchen nach einer spirituellen Gemeinschaft anraten, denn Gemeinschaft ist eine unerlässliche Hilfe für gelebte Spiritualität. Die Dringlichkeit einer solchen Suche führt tatsächlich erstaunlich oft zu Erfolg. Hier gelten die ermutigenden Worte: «Suchet, so werdet ihr finden» (Lk 11,9).

Wenn du ahnst, gefunden zu haben, dann gilt das Wort von Swami Satchidananda (1914-2002):

«Wenn du beim Brunnengraben Wasser findest,
bleib an dieser Stelle und grab tiefer.»

Weiter herumzusuchen, ist nur Verschwendung von Zeit und Energie. Schwierigkeiten wird es immer und überall geben. Das soll uns aber nicht von unserer Ausdauer ablenken. Nicht auf große spirituelle Erlebnisse kommt es an beim spirituellen Leben, sondern auf die tägliche Praxis. (S. 132)

Es gibt heute – sowohl innerhalb wie auch außerhalb der großen religiösen Traditionen – viele Gemeinschaften, die sich bewusst um eine neue lebendige Spiritualität bemühen. Wenn wir eine Gemeinschaft finden, von der dies zu gelten scheint, und sie gefällt uns zunächst, dann heißt es, genauer hinzuschauen und sie zu bewerten. Dabei scheint mir folgende Frage auf das letztlich entscheidende Kriterium abzuzielen:

Werden die Mitglieder dieser Gemeinschaft in ihrer Menschenwürde anerkannt und in ihrem eigenständigen spirituellen Wachstum unterstützt oder werden sie zu Werkzeugen einer noch so hohen Ideologie oder gar einer Person gemacht?

Darin liegt der Unterschied zwischen einer echten spirituellen Gemeinschaft und einer Sekte. Sekten stellen tatsächlich eine große Gefahr für die Gesellschaft dar. Das Wort Sekte kommt aus dem Lateinischen und bedeutete ursprünglich einfach Denkrichtung. In unserem Sprachgebrauch hat es aber einen negativen Beigeschmack, die Bedeutung von «abschneiden» oder «spalten», wie sie auch im Wort Sektor vorkommt, schwingt unterschwellig mit. Im negativen Sinne wird das Wort häufig missbraucht, um neue Gemeinschaften, die man gar nicht genauer kennt, in Verruf zu bringen, aus bloßer Furcht vor dem Neuen und Unbekannten. In diesem Punkt sind nüchternes, vorurteilsloses Hinschauen und ehrliche Beurteilung von großer Wichtigkeit bei der Suche nach Gemeinschaft.

Alle Gemeinschaften müssen sich im Laufe der Zeit durch Schwierigkeiten dieser oder jener Art durcharbeiten. Dabei haben es Gemeinschaften, die in erprobten Traditionen wurzeln, leichter als jene, die nur vom Charisma ihres Gründers getragen werden. Das sollte man mutig ins Auge fassen. Das Wichtigste, worauf es ankommt, ist ja nie die Gemeinschaft und ihr Schicksal, sondern das spirituelle Leben jedes ihrer Glieder. Wie es damit steht, kannst du anhand dieser Liste nachprüfen:

1. Unterstützen wir einander in dieser Gemeinschaft geduldig?

2. Besteht Ehrfurcht und Respekt zwischen Lehrenden und Lernenden?

3. Sind wir uns alle bewusst, rein als Menschen, auf einer Ebene zu stehen?

4. Darf alles und jedes ehrlich hinterfragt werden?

5. Teilen wir Augenblicke des Staunens?

6. Nehmen wir uns Zeit für Stille?

7. Finde ich Gleichgesinnte, mit denen ich Fragen und Erfahrungen teilen kann?

Wenn die Antwort auf eine dieser Fragen nicht sofort «Ja» lautet, dann ist es gut, weiterzufragen: «Wie kann ich zu einer Verbesserung beitragen?» (S. 132-134)

[Obiger Text, wie auch in Ergänzend 2f., ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]

[Ergänzend:

1. Video Ehrfurcht und Handeln: Einsichten aus einem Jahrhundert Leben (2026)
(32:38) Stille, Einsamkeit und die Höhle der Tränen: Als Einsiedler leben

2. Sinnvoll leben: Bruder David antwortet (S. 15-19) auf die Frage 1: «Was würdest du jungen Menschen heute raten?»

3. Yoga und Zen

Yoga ist die Bezeichnung für eine ganze Vielfalt von Formen hinduistischer Spiritualität. Im Westen denken allerdings viele vor allem an Hatha Yoga, eine Form des Yoga, bei der das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist vor allem durch körperliche Übungen (Asanas), durch Atemübungen (Pranayama) und Meditation angestrebt wird.

Als Mitte des 20. Jahrhunderts Yoga im Westen einer breiten Öffentlichkeit bekannt und zugänglich wurde, machten sich in manchen christlichen Kirchen zunächst Stimmen laut, die ängstlich schrill vor dieser neuen Spiritualität warnten, ja, sie häufig sogar als «satanisch» verteufelten.

In erzkonservativen Kreisen sind solche Stimmen auch heute noch nicht verstummt. Angst vor dem Unbekannten ist leider weit verbreitet und fast unvermeidlich. Sie artet freilich allzu leicht in furchtsame Zurückweisung von allem Neuen aus, anstatt zu vernünftigem Untersuchen und Erwägungen zu führen.

In der katholischen Kirche waren spirituelle Übungen, die den Körper einbeziehen, schon länger bekannt. Aber auch hier dauerte die Aufnahme fremder Formen auf breiter Basis Jahrzehnte. Der französische Benediktinermönch Jean Marie Déchanet (1906-1992) war ein Pionier für «christliches Yoga». Heute gibt es eine reiche Literatur zu diesem Thema, Yogakurse sind schon weit verbreitet und viele spirituell aufgeweckte Christen schöpfen lebendiges Wasser aus indischen Quellen. Indische Weisheit kann die christliche Spiritualität vertiefen und bereichern. (S. 112f.)

Ähnlich wie Yoga schloss die reflektierte christliche Übernahme östlicher Meditationsformen für die Kirche auch Zen ein. Besonders im Kontext des monastischen interreligiösen Dialogs fand im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ein reger Austausch zwischen christlichen und buddhistischen Mönchen statt. Willigis Jäger (1925-2020), ein Benediktinermönch, machte sich besonders darum verdient, christlichen Suchern ein tiefes Verständnis von Zen zu vermitteln. Sein Werk wird heute im überkonfessionellen Bildungshaus Benediktushof in Holzkirchen fortgeführt. Schon seit Jahrzehnten wird auch in vielen kirchlichen Exerzitien- und Bildungshäusern Zen-Meditation praktiziert.

Wenn dabei von christlichem Zen die Rede ist, dann schwingt die Bedeutung von «katholisch» als «allumfassend» mit. Eine Spiritualität, die für das Beste in allen Traditionen offen und empfänglich ist, wird auch Zen hoch schätzen.

Kritiker stellen die Frage, ob eine solche «Anleihe beim Buddhismus» mit dem christlichen Glauben vereinbar ist. Dabei wird übersehen, dass der Zen-Buddhismus nur eine der vielen Formen des Buddhismus ist, nämlich die, welche Zen angenommen hat. Ebenso können andere Traditionen sich Zen einverleiben. Zen ist eigenständig, dem Fließweg des frühen Daoismus eng verwandt und mit der christlichen Lehre ebenso gut vereinbar wie mit der buddhistischen. (S. 113f.)]



Quellenangaben

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