LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

Es scheint mir bedeutungsvoll, dass das Zeitwort «sterben» in der deutschen Sprache nur aktive Formen hat. Man kann nicht «gestorben werden».

Außer bei gewaltsamer Tötung scheinen Sterbende sehr häufig zu entscheiden, wann es für sie Zeit ist, das Leben loszulassen. Sie warten oft noch, bis ein ihnen wichtiges Familienmitglied am Sterbebett eintrifft; oder sie sterben schnell, wenn gerade niemand bei ihnen im Zimmer ist, als ob sie allein sterben wollten.

Vielleicht ist das Sterben nicht nur unser letztes, sondern auch unser absichtsvollstes Tun. Dann hätten wir wohl ein Recht auf jede mögliche Hilfe dabei – auch auf medizinische.

Freilich geht es beim Sterben ums Loslassen und dieses Loslassen ist, genau genommen, ein Nicht-Tun – ein Nicht-Eingreifen, damit ein Ausreifungsprozess seinen Lauf nehmen kann.

Das Leben weiß stets besser als wir, was für uns gut ist. Also geht es darum, loszulassen und hinzuhorchen. Wenn der Apfel reif ist, fällt er von selbst vom Baum.

So einfach ist es aber bei Menschen halt doch nicht immer. Körperliche und seelische Prozesse sind nicht immer organisch synchronisiert. Wenn etwa in Übergangszeiten wie der Pubertät oder in den Wechseljahren der Frau der Hormonspiegel im Körper nicht recht zur psychischen Entwicklung passt, kann die Medizin nachhelfen.

Warum sollte dann nicht auch beim großen Übergangprozess des Stebens medizinische die psychologische Sterbehilfe ergänzen und das ersehnte Loslassen erleichtern?

Das Recht auf Sterbehilfe gesetzlich festlegen zu wollen, kann, wie sich oft zeigt, zu endlosen ideologischen Debatten führen. Jedes Gesetz kann legalistisch missbraucht werden.

Dürfen wir nicht hoffen, dass es unserer Gesellschaft endlich gelingen wird, etwas so Intimes wie das Sterben voll Vertrauen der persönlichen Verantwortung der Sterbenden und den Ärzten, denen sie vertrauen, zu überlassen und ihre Entscheidung ehrfurchtsvoll zu unterstützen?

Das würde aber ein Umdenken in der Pflege und in der gesamten Gesellschaftsordnung von uns verlangen.

[Obiger Text ist Bruder Davids Antwort auf die Frage 69: «Soll man nicht das Recht haben zu sterben, wenn man fühlt, dass es Zeit ist?» im Buch Worauf es letztlich ankommt (2026), 121f.; siehe auch Gesellschaft, 121f.]



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